Der Stifter (Teil1)
Hermann Otto Wendt, ein wohlhabender Zigarrenfabrikant aus Bremen, ist 35 Jahre alt, als seine Frau Marianne das erste Kind zur Welt bringt - einen Sohn; er bleibt der einzige Nachkomme. Noch bevor er sein 17. Lebensjahr vollendet, stirbt er. Der Vater setzt ihm ein Denkmal. Am 26. September 1919, nachdem auch seine Frau verstorben ist, ruft Hermann-Otto Wendt eine Stiftung ins Leben und benennt sie nach dem Sohn.
Zweck der Hans-Wendt-Stiftung war gemäß § 3 der Stiftungsverfassung „die Gründung und Erhaltung einer Erholungsstätte zur Pflege erholungsbedürftiger, aber nicht kranker Kinder, ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses." Zum Ort der Erholung bestimmte der Stifter seinen Hof Am Lehester Deich, der in Andenken an seine Frau „Mariannenhof" hieß. Für rund 25.000 Reichsmark hatte Hermann Otto Wendt das 15 Hektar umfassende Stück Land 1908 erworben. In der zu errichtenden Erholungsstätte sollten auch Kinder aus dem Bremer Umkreis Aufnahme finden. Und nicht nur Kindern mittelloser Eltern erwies er mit seinem Vermächtnis eine Wohltat. Beamte oder Lehrer sollten freilich ein „angemessenes Pflegegeld" für die Unterbringung ihrer Kinder entrichten.
Es ist in jenen Tagen eine entbehrungsreiche Zeit. Der 1. Weltkrieg ist verloren. Die Soldaten kehren heim. Vier Jahre hat das deutsche Volk an den Sieg geglaubt. Umsonst sind Opfer und Entbehrungen. Schleichhandel und Wucher prägen den Nachkriegsalltag. Die Blockade, die die Sieger des Krieges um Deutschland ziehen, zeigt Wirkung. Am selben Tag, als die Hans-Wendt-Stiftung rechtsfähig wird, fordern Abgeordnete der Bremischen Nationalversammlung, ein „Wucherdezernat" einzuführen; der Ruf nach Zuchthausstrafen für Schwarzhändler wird laut. Und unter der Not der Zeit leiden vor allem die Kinder.

- Das Grab
Bis zu seinem Tode steht Hermann Otto Wendt der Stiftung vor. Danach führt ein fünfköpfiger Vorstand die Geschicke der Stiftung; den Vorsitz übernimmt laut Stifterwillen der für Jugendwohlfahrt zuständige Senator der Hansestadt Bremen. Drei Millionen Mark beträgt anfangs das Stiftungsvermögen. Eine stolze Summe, die die Inflation bald darauf verschlingt.