Kinderschutz bei Verdacht auf Gewalt und Missbrauch

an Kindern und Jugendlichen in Schweden

Exkursion nach Nyköping 2011

 

Von den guten Erfahrungen in anderen Ländern lernen, das praktiziert der jetzt bereits seit drei Jahren bestehende Fachaustausch Bremen - Nyköping zwischen der Hans-Wendt-Stiftung und dem Sozialdienst der Stadt Nyköping in Schweden, zuletzt in enger Kooperation mit dem AfSD im Sozialzentrum Osterholz in Bremen. Bereits in den letzten Jahren mit Interesse verfolgt, wurde der Aufbau des Projektes "Barnahus" in Nyköping. Nun konnte diese interessante neue Einrichtung von einer engagierten Fachgruppe aus Bremen in Nyköping besucht und "ausgequetscht" werden. Im gleichen Flugzeug saßen übrigens TeilnehmerInnen einer Eltern-Kind-Wochenend-Freizeit, die von Kolleginnen aus den Familienunterstützenden Diensten der Stiftung begleitet und von Kolleginnen aus Nyköping in Empfang genommen wurden - dies aber siehe den kommenden gesonderten Bericht über die Familienfreizeit.

 

Die Fachgruppe, bestehend aus Mitarbeiterinnen der Hans-Wendt-Stiftung, einer Familienrichterin, Mitarbeiterinnen des Amtes für Soziale Dienste, der Bildungsbehörde, des Klinikums Ost und der Polizei Bremen,  wurde wie immer herzlich in Empfang genommen von Glenn Andersson, Bereichsleiter im Jugendamt der Stadt Nyköping sowie die Leiterin der Familienzentren dort, Henrika Lundberg. Doch es ging sogleich an die Arbeit, es gab ein volles Programm: die Besichtigung des Barnahus, die Fachdiskussion darüber und eine erste interne Auswertung der Bremer über die Möglichkeiten zur Übertragung auf Bremische Verhältnisse.

 

Was ist das Barnahus:

In Kurzform bietet das Barnahus (Kinderhaus) die Möglichkeit, ein Kind mit einem Verdachtsmoment auf Gewalt oder sexueller Missbrauch dazu, durch einen qualifiziert geschulten Fachmann der Polizei zu befragen. Die Befragung wird durch eine Fachgruppe, die das Interview über eine besondere Übertragungstechnik im Nebenraum verfolgt beobachtet. Das Kind wird nur dieses Mal befragt (es gibt einzelne Ausnahmen), und die Fachgruppe ist befugt, direkte Entscheidungen zu treffen zu:

weiteren medizinischen Untersuchungen,

Beratungsangebote für die Eltern

zu weiteren polizeilichen oder staatsanwaltlichen Ermittlungen gegenüber einem Täter

zu Fragen der Unterbringung oder Inobhutnahme aus Gründen des Opferschutzes

Vermittlung vor Ort in Psychosoziale Hilfen werden auch Eltern und Kindern direkt angeboten, es handelt sich in erster Linie um das Programm Cumulus, das in einer mehrstündigen Aufarbeitung der erlebten Situation besteht.

(genauere und ausführlichere Infos sind über das Protokoll der Fahrt bei der Hans-Wendt-Stiftung erhältlich)

Zum Barnahus gehören ansprechende Empfangs- und Gruppenarbeitsräume und gesicherte Interviewräume, mit der notwendigen Technik, einer Spezial-Videoanlage. Diese ist notwendig, um gerichtsrelevante Aufnahmen des Interviews zu erhalten.

Dazu gehört eine feste und verbindlich arbeitende Arbeitsgruppe, bestehend aus einer Koordinatorin mit 20 Wochenstunden, der Staatsanwaltschaft, der Polizei, dem Sozialdienst, einer Therapeutin der Kinder-und Jugendpsychiatrischen Beratungsstelle und je nach Bedarf Kinderarzt, Hebamme und andere.

Diese Gruppe berät alle eingehenden Fälle erst anonym, bei direktem Verdacht befragt sie das betroffene Kind mit Hilfe des interviewenden Polizisten. Die Gruppe ist institutionalisiert, sie trifft sich wöchentlich und behandelt 2 bis 6 Fälle pro Woche.

Dazu gehört natürlich eine Finanzierung der Räume des Barnahus und der Stelle der Koordinatorin, deren Aufgabe es ist, regelmäßig einzuladen, Fälle aufzunehmen, Statistik zu führen, aber auch für die Versorgung der ankommenden Kinder und ihrer Begleiter sorgen und sie während der Befragung zu betreuen und auch hinterher für sie da zu sein sowie  Programme einzuleiten oder durchzuführen.

Die anfallenden Kosten von rund 50.000 Euro pro Jahr teilen sich Polizei, Gesundheitsbehörde und 7 Kommunen des Umlandes von Nyköping incl Nyköping selbst, für den dieses Barnahus zuständig ist (Einwohnerzahl insgesamt ca 115.000 ).

Die Besonderheit der Einrichtung, das war den Bremer Teilnehmerinnen schnell klar, liegt darin, dass hier alle Verdachtsfälle der Region eingehen, was Unsicherheiten über Verfahrenswege minimiert, und dass Kinder direkt geschützt und behandelt werden können, im Notfall auch ohne Wissen oder gegen den Willen der Eltern, dann nämlich, wenn sie zu den Verdächtigen Tätern gehören. Kindern wird eine Tortur mehrerer Befragungen und lange Wartezeiten auf Hilfen erspart, es herrscht große Verfahrenssicherheit, und durch die ständige und politisch auch gewollte und finanzierte Zusammenarbeit herrscht ein gutes Wissen voneinander wie auch eine gute Anerkennung der Arbeit dort. Die beteiligten Kommunen sind über politische Gremien an der Arbeit des Barnahus beteiligt, es ist ein Teil eines Landesweiten Konzeptes Barnahus, das im Jahre 2004 von der schwedischen Königin Silvia aus Island ins Land geholt worden ist.

 

Die Teilnehmer aus Bremen waren beeindruckt vor allem von der Fach- und Entscheidungskompetenz, die in der AG zusammenkommt sowie der Selbstverständlichkeit, mit der die Sicht und die Interessen des Kindes in Schweden im Vordergrund stehen. In einer ersten Auswertung noch während der Exkursion setzte sich die Bremer Gruppe das Ziel, Übertragungsmöglichkeiten für eine Bremer Region auszuarbeiten und dabei den Geist, von dem das Barnahus in Schweden getragen wird, zu übernehmen.

 

Viel Erfolg !

 

 

 

Bericht:                                   Stefan Kunold

Protokoll der Exkursion:          Laufwerk R/Schwarzes Brett/Protokoll Barnahus 2011